Weg
The Red Dress Press







Das zerstörerische Potenzial meiner Wenigkeit

Wenn ich erstmal ins Grübeln komme, dann ist alles zu spät. Dann kann das tagelang anhalten, dieser apathische Zustand, nichts Halbes, nichts Ganzes. Auch, wenn ich immer wieder zu dem Ergebnis komme, dass ich mir viel zu viele Gedanken mache, dass genau das immer alles so kompliziert macht und dass mein Leben vielleicht ganz anders verlaufen würde, wenn ich eben nicht immer soviel nachdenken würde. Ich neige ja zu Paranoia, es ist einfach so. Ich vermute hinter jeder kleinen Geste einen Angriff meine Person. Ich bin mir bewusst, dass ich verdammtnochmal immer alles falsch mache, und doch kann ich es nicht ändern. Ich schaue mir praktisch dabei zu, wie ich in die falsche Richtung schlendere und durch meine hirnlosen Aktionen langsam aber sicher Richtung Nichts befördere (das soziale Abseits hab ich auf diesem Weg schon hinter mir gelassen). Das hat was Surreales an sich. Aber da ist auch diese gewisse Kaltschnäuzigkeit, die mich manchmal selbst erschrickt, und die mich allem gegenüber mit stoischer Gleichgültigkeit stehen lässt. Der totale Gegensatz zu den Grübeleien. Diese Ambivalenz macht mich manchmal wahnsinnig.

Und letztendlich siegt immer die Gleichgültigkeit. Scheiß drauf, auf alles. Wer sagt, dass Drogen schlecht sind? Drogen sind nun mal dafür gemacht worden, dass Menschen sie gut finden. Ich wünschte wirklich, ich hätte nie erfahren, wie verdammt großartig man sich damit fühlt. Ich wünschte, ich hätte das Zeug probiert und kotzen müssen oder sowas, dann könnte ich sagen „Scheißdroge, das brauch ich nicht“ und es wäre die Wahrheit gewesen. Aber es ist nun mal alles anders gekommen. Die Dinge sind, wie sind, und was ist falsch daran, wenn ich mich wenigstens ab und an rundherum toll und unantastbar fühle? Wer will mir das nehmen? Warum soll ich mir Schuldgefühle einreden lassen, von irgendjemandem? Dazu hat niemand das Recht. Niemand hat das Recht, mir seine gutgemeinten Ratschläge und sorgenvollen Bemerkungen aufzudrücken, niemand hat irgendwelche Rechte bezüglich meiner Person! Wir müssen alle irgendwann sterben und die Zeit, die ich habe, fühle ich aus, wie es mir gefällt. Es ist mein Leben.

Soviel zur fuck-you-attitüde. Trotzdem gibt es Menschen, die mich durch ihre bloße Existenz dazu bringen, mich minderwertig zu fühlen. Einen in einer Million und das ist mehr als genug, aber es gibt sie. Jemand, den ich ansehe und ich sehe soviel Schönheit und Perfektion und Eleganz, dass ich hingerissen bin und gleichzeitig im Boden versinken will... Egal, wie selbstsicher und gut ich mich vorher gefühlt habe. Dann werden mir meine eigenen Unzulänglichkeiten so stark bewusst, dass es weh tut. Dann wird mir bewusst, dass mein Teint nie so perfekt und strahlend sein wird, dass ich immer irgendwie zu blass sein werde, dass ich immer Augenringe habe, auch wenn ich tagelang schlafe, dass ich immer blaue Flecke und Schrammen und Operationsnarben haben werde, die mit den Jahren verblassen, aber nie ganz verschwinden. Dass mein Make-Up nie perfekt ist und meine Frisur auch nicht. Dass ich immer ein paar Pfund zu viel haben werde. Dass ich nichts auf die Reihe bekomme, gar nichts, und dass diese ganze banale Dramatik an mir klebt wie Pech... Dass mein Charme und Humor mich immer dann verlassen, wenn es drauf ankommt. Dass ich zu viel rauche und zu viele Pillen schlucke, immer, um überhaupt zu funktionieren. Dass alles immer kaputt geht. Dass ich nie hübsch genug, klug genug oder charmant genug sein werde. Ich sollte diese Menschen hassen, die mich so verrückt machen, aber natürlich ist genau das Gegenteil der Fall.

Und mich, mich hasse ich schon allein für diese Anfälle von Selbstmitleid. Ich dachte, ich hätte das mit der Pubertät hinter mich gebracht, aber der jammernde Teenager steckt immer noch in mir. Ich kann einfach nicht anders, ich muss mich so aufführen. Ich muss einfach verrückt spielen. Heulen und lachen gleichzeitig, mir die Haare raufen, schreien, das Make Up über das ganze Gesicht verschmieren, zuviel Make Up viel zu viel, auf und nieder, Hölle Tod und Teufel, immer overdressed sein, Petticoats und Babydolls und Vintage-Kleidchen, immer das schwarze Schaf sein, immer das Falsche sagen, anecken, immer das Gegenteil tun, von was eigentlich?, Mary Jane und stoned in den Spielzeugladen gehen, Sachen kaufen weil sie pink sind und glitzern, auf Acid in der Hollywood-Schaukel liegen und die Sterne anstarren aber die Sonne scheint, zusammen mit einer ähnlich derangierten Persönlichkeit in einer verwahrlosten Wohnung hausen, Papas Marihuana-Rauch inhalieren, Sonnenbäder um Mitternacht und Cat Eye Sunglasses after dark, ein Poster vom feschen Bayer in die Dusche hängen, Russ Meyer Filme und Zombie Splatter zum Nonplusultra erheben, ein füchtbares Gesamtkunstwerk sein, die Drama Queen nicht spielen, die fucking Drama Queen SEIN!!

Es nervt mich. Aber ich kann nicht anders.
10.10.08 02:46


Ein Pantoffelheld für mich allein

Ich hätte gern mal wieder jemanden, den ich rumkommandieren und rumschubsen kann - jemanden, der gern den Horst für mich spielt, den ich um zwei Uhr morgens zur Tanke schicken kann, damit er mir Zigaretten holt, und dem ich dann die Zigaretten vor die Füße pfeffere und theatralisch rufe: "Das sind Lights, du Idiot! Seh ich etwa aus wie jemand, der Lights raucht?! Goooott, was kannst du eigentlich?!". Und dann würde ich in Tränen ausbrechen und ihm vorwerfen, dass er das nur tut, um mich zu ärgern und mich, gemeinsam mit der Deutschen Bahn, langsam in den Wahnsinn zu treiben. Wenn er dann bereit ist, alles zu tun, damit ich aufhöre zu weinen, befehle ich ihm ein paar Kilo Dynamit um seinen Leib zu gurten und solange in der Zentrale der DB Sitzstreik zu betreiben, bis sie aufhören, ihre Fahrgäste so scheiße zu behandeln ["Bei uns ist jeden Tag 'der Kunde ist das Arschloch‘-Tag!“]. Man wird ja manchmal regelrecht gezwungen, zu solch drastischen Mitteln zu greifen.

Im Übrigen kam mir neulich eine gute Idee für einen Film, so einen experimentellen Indie-Scheiß – das wäre so ein Episoden-Ding, ähnlich wie "Faster Pussycat!Kill!Kill!", aber eben kurze Episoden mit losem Zusammenhang. Das Thema: Frauen, die Männer mit Designer-Handtaschen verprügeln. Rohe Gewalt mit einer Gucci-Handtasche! Rohe Gewalt mit einer Versace-Handtasche! Rohe Gewalt mit einer Prada-Handtasche! Rohe Gewalt mit einer klassischen Kelly-Bag! Chanel eignet sich ja aus mehreren Gründen nicht, aber das macht nix, klappt ja auch so. Jedenfalls finde ich, es gibt kaum ein besseres Bild, um moderne weibliche Aggressionen auszudrücken. Jetzt muss ich mir nur noch irgendeinen bebrillten Film-Studenten mit schwachem Selbstbewusstsein suchen, der jeden Scheiß mitmacht und mir meine Idee entsprechend umsetzt - also, falls das hier jemand liest, auf den diese Beschreibung zutrifft, dann zögere nicht und melde dich!

24.9.08 03:44


Die verhinderte Lili Marleen


Manchmal stelle ich mir vor, dass sie mich irgendwann zum Entzug zwingen und ich in so einer abgefuckten Klinik lande, mit Gittern vor den Fenstern, wo sie dich jeden Tag durchsuchen und mit Kameras beobachten. Da ist dann auch Pete Doherty, der mal wieder erfolglos zu entziehen versucht, und mit dem haue ich dann ab; wir rauben eine Apotheke aus und verschanzen uns in meiner Wohnung, wo Miffy uns Pfannkuchen macht und die Polizei/meine Eltern abwimmelt. Er schläft auf dem Teppich in meinem Zimmer, wenn er schläft. Die meiste Zeit sind wir wach und teilen uns unser Crack und schlucken Pillen und singen Lieder und er erzählt mir, wie toll Sex mit Kate Moss ist und dass sie Ping-Pong und Häkeldeckchen auf dem Telefontischchen mag. Manchmal verkleiden wir uns auch und schlüpfen in verschiedene Rollen, schwuler Ledertyp, Rotkäppchen, Ren und Stimpy und so. Oder wir hören uns Hörspielkassetten an und basteln Bongs aus Pepsiflaschen (für das Crack). Ich stelle mir das zuckersüß vor.

Überhaupt, britischen Akzente an sich sind auch zuckersüß. Ich lausche D. immer sehr aufmerksam, wenn er zu mir spricht, hänge regelrecht an seinen Lippen und bin in höchstem Maße entzückt, ganz egal, was er für einen Unsinn erzählt. Ich wäre gern sein Mädchen, zumindest eine Zeitlang. Aber er ist Soldat und das heißt, dass er jeder Zeit irgendwohin versetzt werden kann, in den Irak oder nach Afghanistan, und dann müsste ich Angst um ihn haben und heulen und mit den Zähnen knirschen, wenn kein Brief kommt, und das geht ja mal gar nicht! Und selbst wenn er nicht in den Krieg und jung sterben muss - diese Kaserne ist schon etwas weit weg, und so oft hat er nicht frei. Fernbeziehungen sind das letzte für mich. Das kommt nicht in Frage.

Ich möchte kein Soldatenliebchen sein – ich weiß nämlich genau, wie das ablaufen würde: Einmal im Monat bekommt er frei und besucht mich. Wir gehen auf eine Kirmes, er spendiert mit Zuckerwatte und einen leuchtend roten kandierten Apfel; es folgt eine Fahrt mit der Geisterbahn, ich kreische, er lacht und hält mich beschützend in seinen Armee-gestählten Armen. Dann schießt er mir eine Rose. Zum Schluss fahren wir mit dem Riesenrad und wenn unsere Gondel den höchsten Punkt erreicht hat, küssen wir uns. Er trägt dabei natürlich die ganze Zeit seine Uniform. Zwei Wochen später bekommt er den Einberufungsbescheid und wird in irgendeinen Krieg geschickt. Am Ende stehe ich dann in einem roten Kleid mit winzigen weißen Pünktchen, passenden weißen Handschuhen und Lilien im Haar auf dem Bahnsteig und winke ihm mit einem weißen Taschentuch, während sein Zug langsam abfährt. Selbstverständlich heule ich wie ein Schlosshund, weswegen mein ganzes Mascara in zwei schmalen schwarzen Bächen meine Wangen hinunterläuft. Er wirft mir aus dem offenen Fenster noch eine Kusshand zu und dann ist er weg. Drei Monate später kommt er auf seinem einwöchigen Fronturlaub nach Hause und macht mir einen Heiratsantrag, welchen ich freudig annehme, und wir beschließen, dass die Hochzeit sofort nach Kriegsende stattfinden soll. Daraus wird aber nichts, weil er bei einem Bombenangriff als Held stirbt und dafür posthum einen Orden kassiert. Er wird mit aller Würde beigesetzt, ich gehe hinter dem Sarg her, welcher von vier anderen Soldaten getragen wird, und heule wieder wie ein Schlosshund. Selbstverständlich bin ich auch noch schwanger von ihm und somit ganz eindeutig als unkeusches Soldatenliebchen gebrandmarkt und werde deswegen aus dem Dorf verstoßen. Ich ziehe dann in eine karge Hütte in der Einöde, werde wahnsinnig und sterbe schließlich bei der Geburt meines Kindes.

Also, so sehr ich D. auch mag – darauf habe ich nun wirklich gar keine Lust!


[7. April 2006]
23.9.08 03:38


Luftschlösser

Ich liebe es, mir Geschichten und Menschen auszudenken. In meinem Leben, in meinem Kopf, gibt es immer eine Geschichte, eine Geschichte, in die ich mich selbst hinein begebe, an der ich teilhabe. Oft habe ich über Monate hinweg dieselbe Geschichte, spinne sie immer weiter, schmücke sie mit mehr Glitzer und mehr DRAMA aus und erlebe die besten Stellen immer und immer wieder. Diese Geschichte ist nur für mich. Ich teile sie mit niemandem. Seit ich denken kann mache ich das, es war immer so. Das sind meine Tagträume und doch ist es mehr. Es ist wie ein paralles Dasein zu meinem Dasein im Hier und Jetzt. Der Gegenpol zu dem, welches ich leben muss und zu den Menschen, mit denen ich leben muss – das Leben, dass ich mir wünschen würde und die Menschen, mit denen ich es teilen wollen würde. Dabei bin ich in diesen Phantasien genau so kaputt wie in Wirklichkeit; nur auf eine andere Art. Mich langweilt das Perfekte, Harmlose, deswegen sind auch meine Träume voll von Katastrophen, Krankheiten, Tragödien, Drogen, Gewalt, Wahnsinn und sexuellen Ausschweifungen. Seit zwei Tagen habe ich eine neue Geschichte. Es gibt wohl kaum etwas Aufregenderes als eine neue Geschichte. In der ersten Zeit nimmt sie mich vollkommen gefangen. Stunden kann ich damit verbringen, augenscheinlich nichts zu tun und ins Leere zu starren und einfach zu denken. Aus dem Nichts erschaffe ich mir meine eigene Welt, Schönheit und Tiefe und Zeitlosigkeit und Gewalt und Krankheit und Drama und Poesie. Und meinen imaginären Liebhaber. Ich habe immer einen. Der Neue ist groß und schlank und dunkel und wortkarg. Ich habe ihm das Gesicht von Jack White gegeben. Er stammt aus dem amerikanischen Süden, aus Louisiana oder Tennesse; er steckt voller alttestamentarischen Anschauungen und Werten. Er besitzt eine Polsterfabrik. Er ist eigenbrötlerisch, um nicht zu sagen ein Eremit, und auf eine seltsame Art faszinierend. Jeden morgen geht er zur Arbeit, in einem dunklen Anzug und mit einer Ledertasche unter dem Arm; in der Tasche sind seine Bibel und seiner 45er Magnum. Wenn ich einer Geschichte überdrüssig werde, dann töte ich sie. Manche halten sich nur ein paar Wochen, manche über ein Jahr. Manche kommen immer wieder. Manchmal kommen mir diese Menschen, die ich für mich erfinde, viel realer vor als das eigentliche Leben. Es ist mir schon öfter passiert, dass ich diese beiden durcheinander gebracht habe. Das war jedesmal eine surreale Erfahrung. Das Schöne ist ja: Ich hab sie wirklich nicht mehr alle beieinander, ich spinne, ich phantasiere, ich nehme Drogen, um mich besser zu fühlen, ich schlage über die Stränge und bewege mich hart an der Grenze, was für eine Grenze auch immer- und ich bin mir dessen die ganze Zeit bewusst. Auch wenn es vielleicht anders aussieht, so weiß ich doch die ganze Zeit über genau, was ich tue. Und ich tue es nicht, um für andere Leute eine Show abzuziehen, damit sie sagen: Oh, wie cool und ausgeflippt und individuell sie doch ist! Ich bin einfach ich selbst, um nicht zu ersticken. Andere Leute sind mir relativ gleichgültig. Die tun sowieso, was sie wollen. Die, die ich mir einbilde, tun was ich will. Und in der Phantasie ist sowieso alles besser.
22.9.08 01:26



All of my pretty little Rags and Bones!


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