Weg
The Red Dress Press







Luftschlösser

Ich liebe es, mir Geschichten und Menschen auszudenken. In meinem Leben, in meinem Kopf, gibt es immer eine Geschichte, eine Geschichte, in die ich mich selbst hinein begebe, an der ich teilhabe. Oft habe ich über Monate hinweg dieselbe Geschichte, spinne sie immer weiter, schmücke sie mit mehr Glitzer und mehr DRAMA aus und erlebe die besten Stellen immer und immer wieder. Diese Geschichte ist nur für mich. Ich teile sie mit niemandem. Seit ich denken kann mache ich das, es war immer so. Das sind meine Tagträume und doch ist es mehr. Es ist wie ein paralles Dasein zu meinem Dasein im Hier und Jetzt. Der Gegenpol zu dem, welches ich leben muss und zu den Menschen, mit denen ich leben muss – das Leben, dass ich mir wünschen würde und die Menschen, mit denen ich es teilen wollen würde. Dabei bin ich in diesen Phantasien genau so kaputt wie in Wirklichkeit; nur auf eine andere Art. Mich langweilt das Perfekte, Harmlose, deswegen sind auch meine Träume voll von Katastrophen, Krankheiten, Tragödien, Drogen, Gewalt, Wahnsinn und sexuellen Ausschweifungen. Seit zwei Tagen habe ich eine neue Geschichte. Es gibt wohl kaum etwas Aufregenderes als eine neue Geschichte. In der ersten Zeit nimmt sie mich vollkommen gefangen. Stunden kann ich damit verbringen, augenscheinlich nichts zu tun und ins Leere zu starren und einfach zu denken. Aus dem Nichts erschaffe ich mir meine eigene Welt, Schönheit und Tiefe und Zeitlosigkeit und Gewalt und Krankheit und Drama und Poesie. Und meinen imaginären Liebhaber. Ich habe immer einen. Der Neue ist groß und schlank und dunkel und wortkarg. Ich habe ihm das Gesicht von Jack White gegeben. Er stammt aus dem amerikanischen Süden, aus Louisiana oder Tennesse; er steckt voller alttestamentarischen Anschauungen und Werten. Er besitzt eine Polsterfabrik. Er ist eigenbrötlerisch, um nicht zu sagen ein Eremit, und auf eine seltsame Art faszinierend. Jeden morgen geht er zur Arbeit, in einem dunklen Anzug und mit einer Ledertasche unter dem Arm; in der Tasche sind seine Bibel und seiner 45er Magnum. Wenn ich einer Geschichte überdrüssig werde, dann töte ich sie. Manche halten sich nur ein paar Wochen, manche über ein Jahr. Manche kommen immer wieder. Manchmal kommen mir diese Menschen, die ich für mich erfinde, viel realer vor als das eigentliche Leben. Es ist mir schon öfter passiert, dass ich diese beiden durcheinander gebracht habe. Das war jedesmal eine surreale Erfahrung. Das Schöne ist ja: Ich hab sie wirklich nicht mehr alle beieinander, ich spinne, ich phantasiere, ich nehme Drogen, um mich besser zu fühlen, ich schlage über die Stränge und bewege mich hart an der Grenze, was für eine Grenze auch immer- und ich bin mir dessen die ganze Zeit bewusst. Auch wenn es vielleicht anders aussieht, so weiß ich doch die ganze Zeit über genau, was ich tue. Und ich tue es nicht, um für andere Leute eine Show abzuziehen, damit sie sagen: Oh, wie cool und ausgeflippt und individuell sie doch ist! Ich bin einfach ich selbst, um nicht zu ersticken. Andere Leute sind mir relativ gleichgültig. Die tun sowieso, was sie wollen. Die, die ich mir einbilde, tun was ich will. Und in der Phantasie ist sowieso alles besser.
22.9.08 01:26
 

All of my pretty little Rags and Bones!


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