Weg
The Red Dress Press







Die verhinderte Lili Marleen


Manchmal stelle ich mir vor, dass sie mich irgendwann zum Entzug zwingen und ich in so einer abgefuckten Klinik lande, mit Gittern vor den Fenstern, wo sie dich jeden Tag durchsuchen und mit Kameras beobachten. Da ist dann auch Pete Doherty, der mal wieder erfolglos zu entziehen versucht, und mit dem haue ich dann ab; wir rauben eine Apotheke aus und verschanzen uns in meiner Wohnung, wo Miffy uns Pfannkuchen macht und die Polizei/meine Eltern abwimmelt. Er schläft auf dem Teppich in meinem Zimmer, wenn er schläft. Die meiste Zeit sind wir wach und teilen uns unser Crack und schlucken Pillen und singen Lieder und er erzählt mir, wie toll Sex mit Kate Moss ist und dass sie Ping-Pong und Häkeldeckchen auf dem Telefontischchen mag. Manchmal verkleiden wir uns auch und schlüpfen in verschiedene Rollen, schwuler Ledertyp, Rotkäppchen, Ren und Stimpy und so. Oder wir hören uns Hörspielkassetten an und basteln Bongs aus Pepsiflaschen (für das Crack). Ich stelle mir das zuckersüß vor.

Überhaupt, britischen Akzente an sich sind auch zuckersüß. Ich lausche D. immer sehr aufmerksam, wenn er zu mir spricht, hänge regelrecht an seinen Lippen und bin in höchstem Maße entzückt, ganz egal, was er für einen Unsinn erzählt. Ich wäre gern sein Mädchen, zumindest eine Zeitlang. Aber er ist Soldat und das heißt, dass er jeder Zeit irgendwohin versetzt werden kann, in den Irak oder nach Afghanistan, und dann müsste ich Angst um ihn haben und heulen und mit den Zähnen knirschen, wenn kein Brief kommt, und das geht ja mal gar nicht! Und selbst wenn er nicht in den Krieg und jung sterben muss - diese Kaserne ist schon etwas weit weg, und so oft hat er nicht frei. Fernbeziehungen sind das letzte für mich. Das kommt nicht in Frage.

Ich möchte kein Soldatenliebchen sein – ich weiß nämlich genau, wie das ablaufen würde: Einmal im Monat bekommt er frei und besucht mich. Wir gehen auf eine Kirmes, er spendiert mit Zuckerwatte und einen leuchtend roten kandierten Apfel; es folgt eine Fahrt mit der Geisterbahn, ich kreische, er lacht und hält mich beschützend in seinen Armee-gestählten Armen. Dann schießt er mir eine Rose. Zum Schluss fahren wir mit dem Riesenrad und wenn unsere Gondel den höchsten Punkt erreicht hat, küssen wir uns. Er trägt dabei natürlich die ganze Zeit seine Uniform. Zwei Wochen später bekommt er den Einberufungsbescheid und wird in irgendeinen Krieg geschickt. Am Ende stehe ich dann in einem roten Kleid mit winzigen weißen Pünktchen, passenden weißen Handschuhen und Lilien im Haar auf dem Bahnsteig und winke ihm mit einem weißen Taschentuch, während sein Zug langsam abfährt. Selbstverständlich heule ich wie ein Schlosshund, weswegen mein ganzes Mascara in zwei schmalen schwarzen Bächen meine Wangen hinunterläuft. Er wirft mir aus dem offenen Fenster noch eine Kusshand zu und dann ist er weg. Drei Monate später kommt er auf seinem einwöchigen Fronturlaub nach Hause und macht mir einen Heiratsantrag, welchen ich freudig annehme, und wir beschließen, dass die Hochzeit sofort nach Kriegsende stattfinden soll. Daraus wird aber nichts, weil er bei einem Bombenangriff als Held stirbt und dafür posthum einen Orden kassiert. Er wird mit aller Würde beigesetzt, ich gehe hinter dem Sarg her, welcher von vier anderen Soldaten getragen wird, und heule wieder wie ein Schlosshund. Selbstverständlich bin ich auch noch schwanger von ihm und somit ganz eindeutig als unkeusches Soldatenliebchen gebrandmarkt und werde deswegen aus dem Dorf verstoßen. Ich ziehe dann in eine karge Hütte in der Einöde, werde wahnsinnig und sterbe schließlich bei der Geburt meines Kindes.

Also, so sehr ich D. auch mag – darauf habe ich nun wirklich gar keine Lust!


[7. April 2006]
23.9.08 03:38
 

All of my pretty little Rags and Bones!


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