Weg
The Red Dress Press







Irmgard Keun – "Das kunstseidene Mädchen“

"Ich will ein Glanz werden, der oben ist. Mit weißem Auto und Badewasser, das nach Parfüm riecht, und alles wie Paris. Und die Leute achten mich hoch, weil ich ein Glanz bin, und werden es dann wunderbar finden, wenn ich nicht weiß, was eine Kapazität ist, und nicht runter lachen auf mich wie heute- [...] Ich werde ein Glanz, und was ich dann mache, ist richtig- nie mehr brauch ich mich in acht nehmen und nicht mehr meine Worte ausrechnen und meine Vorhabungen ausrechnen - einfach betrunken sein - nichts kann mir mehr passieren an Verlust und Verachtung, denn ich bin ein Glanz."
[1931]

Ich habe Doris, das "kunstseidene Mädchen", mal als weiblichen Franz Biberkopf bezeichnet, und dabei bleibe ich auch- man kann davon halten, was man will, aber gewisse Parallelen lassen sich nicht verleugnen- das ziellose Treiben durch die Großstadt, einerseits das euphorisierende Freiheitsgefühl, andererseits diese Verlorenheit - die Großstadt als lebendiger Organismus welcher ein millionenfaches Eigenleben führt [im Falle von "Berlin Alexanderplatz" sogar der Vergleich mit der Hure Babylon] - die fatalistische Weltsicht, der Zynismus! Sowohl Doris als auch unser bedauernswerter Biberkopf haben eigentlich nur gute Absichten, wollen ihren Platz im Leben finden, da, wo sie hingehören- aber das Leben spuckt ihnen ins Gesicht und stößt sie hämisch lachend in den Abgrund. Wenn man wissen will, was man unter expressionistischer Prosa zu verstehen hat, dann lese man diese zwei Bücher. Ich werde es wohl nie müde, aus diesem wundervollen Buch zu zitieren- mein absolutes Lieblingsbuch! Es gibt Myriaden von wundervollen Büchern, aber dies hier ist meins. Jeder Satz ist schön und gut und richtig und sollte in blassen Marmor gemeißelt werden für alle Ewigkeit- ich trage sie alle in meinem Herzen. Als ob meine Seele da niedergeschrieben vor mir liegen würde. Ich verehre Irmgard Keun.

"Wenn eine junge Frau mit Geld einen alten Mann heiratet wegen Geld und nichts sonst und schläft mit ihm stundenlang und guckt fromm, dann ist sie eine deutsche Mutter von Kindern und eine anständige Frau. Wenn eine junge Frau ohne Geld mit einem schläft ohne Geld, weil er glatte Haut hat und ihr gefällt, dann ist sie eine Hure und ein Schwein. Liebe Mutter, du hast ein schönes Gesicht gehabt, du hast Augen, die gucken, wie sie Lust haben, du bist arm gewesen, wie ich arm bin, du hast mit Männern geschlafen, weil du sie mochtest, oder weil du Geld brauchtest - das tue ich auch. Wenn man mich schimpft, schimpft man dich... ich hasse alle, ich hasse alle - schlag doch die Welt tot, Mutter, schlag doch die Welt tot."

[16. Juni 2007]



Elizabeth Stoddard – "The Morgesons"

"Veronica was an elfish creature, diminutive and pale. Her long, silky brown hair, which was as straight as an Indian's, like mother's, and which she tore out when angry, usually covered her face, and her wild eyes looked wilder still peeping through it. She was too strange-looking for ordinary people to call her pretty, and so odd in her behavior, so full of tricks, that I did not love her. She was a silent child, and liked to be alone. But whoever had the charge of her must be watchful. She tasted everything, and burnt everything, within her reach. A blazing fire was too strong a temptation to be resisted. The disappearance of all loose articles was ascribed to her; but nothing was said about it, for punishment made her more impish and daring in her pursuits. She had a habit of frightening us by hiding, and appearing from places where no one had thought of looking for her. People shook their heads when they observed her.
[...]
Always regarding her from the point of view she presented, I felt little love for her; her peculiarities offended me as they did mother. We did not perceive the process, but Verry was educated by sickness; her mind fed and grew on pain, and at last mastered it. The darkness in her nature broke; by slow degrees she gained health, though never much strength. Upon each recovery a change was visible; a spiritual dawn had risen in her soul; moral activity blending with her ideality made her life beautiful, even in the humblest sense. Veronica! you were endowed with genius; but while its rays penetrated you, we did not see them. How could we profit by what you saw and heard, when we were blind and deaf? To us, the voices of the deep sang no epic of grief; the speech of the woods was not articulate; the sea-gull's flashing flight, and the dark swallow's circling sweep, were facts only. Sunrise and sunset were not a paean to day and night, but five o'clock A.M. or P.M. The seasons that came and went were changes from hot to cold; to you, they were the moods of nature, which found response in those of your own life and soul; her storms and calms were pulses which bore a similitude to the emotions of your heart!"
[Elizabeth Stoddard - The Morgesons, 1862]

Die Schönheit dieser Worte ist atemberaubend, vollkommen und unantastbar, und berührt mich im tiefsten Punkt meines Herzens und meiner Seele. Es sind Momente wie dieser, in denen ich völlig friedlich und im Reinen mit mir selbst bin, mein Herz erfüllt von dem Glück, immer wieder an der zeitlosen Magie des geschriebenen Worts teilhaben zu dürfen... Ich verbeuge mich vor Elizabeth Stoddard, Schöpferin einer der faszinierendsten Frauen, welche mir jemals in der Literatur begegnet sind.

[18. September 2007]



Matthew Arnold - "Dover Beach"

The sea is calm to-night.
The tide is full, the moon lies fair
Upon the straits; on the French coast the light
Gleams and is gone; the cliffs of England stand;
Glimmering and vast, out in the tranquil bay.
Come to the window, sweet is the night-air!
Only, from the long line of spray
Where the sea meets the moon-blanched land,
Listen! you hear the grating roar
Of pebbles which the waves draw back, and fling,
At their return, up the high strand,
Begin, and cease, and then again begin,
With tremulous cadence slow, and bring
The eternal note of sadness in.

[1867]


Ich möchte zurück nach Dover, möchte auf den weißen Klippen wandeln und die Seeluft einatmen, tief einatmen und ausatmen, während der Wind mit meinem Haar spielt...barfuß den weichen Sandstrand unter meinen Fußsohlen spüren und die Gischt auf meiner Haut...einfach dasitzen und auf das Meer starren, eine kleine Ewigkeit lang, weil ich dessen nie überdrüssig werde...nur ich, eine Tasse Tee und meine Bücher, mit Miss Polly Jean Harvey als einzige Gesellschaft...mein eigenes kleines Haus auf den weißen Klippen, mein Refugium und Allerheiligstes, wo ich mich sanft geborgen und unendlich sicher fühle und die Welt da draußen jederzeit einfach aussperren kann...
... Eines Tages wird das alles wahr werden. Vielleicht in 10 Jahren oder in 50, das ist ganz egal- denn es wird wahr werden ...
Bis dahin trage ich Albion in meinem Herzen und meiner Seele.

[7. Dezember 2007]



Gotthold Ephraim Lessing - "Emilia Galotti"

"[...] - Kennen sie mich? Ich bin Orsina; die betrogene, verlassene Orsina. - Zwar vielleicht nur um Ihre Tochter verlassen. - Doch was kann ihre Tochter dafür? - Bald wird auch sie verlassen sein. - Und dann wieder eine! - Und wieder eine! - Ha! (wie in der Entzückung) welch eine himmlische Phantasie! Wann wir einmal alle, - wir, das ganze Heer der Verlassenen, - wir alle in Bacchantinnen, in Furien verwandelt, wenn wir alle ihn unter uns hatten, ihn unter uns zerrissen, zerfleischten, sein Eingeweide durchwühlten, - um das Herz zu finden, das der Verräter einer jeden versprach, und keiner gab! Ha! das sollte ein Tanz werden! das sollte!"

Ich war damals -2003- in der Theater-AG meiner Schule, wir waren 15 Mädchen und ein 14-jähriger Junge. Da es kein geeignetes Schauspiel für diese Besetzung gab, haben wir kurzerhand unser eigenes geschrieben- ein feministisches, sozialkritisches Stück, verschiedene Szenen aus dem Leben einer Frau [keiner bestimmten Frau], von der Geburt bis zum Tode. Ich habe eine Szene aus "Emilia Galotti" umgeschrieben und in einen modernen Kontext versetzt, wobei ab der Mitte übergangslos von der 'normalen' Sprache zum klassischen Text gewechselt wurde. Herr Berger wollte das unbedingt so. Leider nichts mit der Gräfin, sondern die Szene, in der Emilia entsetzt und erschrocken zu ihrer Mutter kommt und ihr von den unwillkommenen Annäherungsversuchen des Prinzen berichtet. Ich musste dann auch gleich die Mutter spielen und das fand ich so überhaupt nicht toll, aber egal.- Jedenfalls halte ich die Gräfin Orsina für eine der kraftvollsten, beeindruckendsten Frauenfiguren in der Geschichte der Literatur. Sie ist mein persönlicher Liebling und ich werde nie müde, sie zu zitieren und mit Lobeshymnen zu überschütten.
[Komplizierter und vielschichtiger als Emilia oder ihre Mutter ist sie allemal - aber das ist ja auch keine Kunst.]

[7. Januar 2007]



Alte Liebe, neue Liebe

Ich habe die Winterferien, die graue phlegmatische Zeit zwischen den Jahren, zuhause bei meinen Eltern verbracht.
Bei dieser Gelegenheit habe ich der hiesigen Bibliothek einen Besuch abgestattet; es war das erste Mal, seit ich mein Studium aufgenommen habe und von daheim ausgezogen bin. Es war wie ein Besuch bei alten Bekannten - wie viel Zeit ich in meinem Leben dort schon verbracht habe, durch die Jahre hindurch, die Mengen von Büchern, die ich Woche um Woche nachhause geschleppt habe - manche immer wieder. Ich habe mich vor Weihnachten eingedeckt mit Lesestoff und ein Buch nach dem anderen gelesen, im meinem Bett, in der Badewanne, im Wintergarten meiner Großmutter... "The Lost Girl" und "The White Peacock" von D.H. Lawrence, "Far from the madding crowd" von Thomas Hardy, Gedichte von Swinburne und Blake, einen Band voller ausgewählter englischer Sonette [den hatte ich allerdings von Soppy bekommen], die Essays von George Orwell, eine Biographie von Howard Hughes, und vor allem ganz viel Fitzgerald - F. Scott Fitzgerald, meine neue Liebe. "The Beautiful and Damned" habe ich verschlungen, ebenso "Tender is the Night", und nun habe ich mich ganz in seinen Kurzgeschichten und autobiographischen Texten vergraben. Ich liebe seine Art zu erzählen- so nüchtern und trocken und doch zur gleichen Zeit so voller Poesie und Schönheit... Und seine Protagonisten, diese schönen, glamourösen, gebrochenen Menschen... Ganz besonders liebe ich Mr. Anthony Patch und Mr. Basil Lee. In meiner Vorstellung leisten sie mir Gesellschaft in altmodischen Tearooms und düsteren Tangolokalen, zusammen mit Gloria, Josephine und dem verrückten Hutmacher...

... Wer braucht schon die Welt, wenn er sie sich selbst erschaffen kann? Ich finde alles in der Literatur - Liebe, Hass, Schönheit, Jugend, Perfektion, Verlust, Verzweiflung, Trauer, Lethargie, Zorn, Glückseligkeit, ... Jede Geschichte ist schon einmal erzählt worden, jeder Traum wurde schon einmal geträumt. Ich brauche keine Menschen um mich, wenn ich mich in der Schönheit des geschriebenen Wortes so vollkommen verlieren kann.

[5. Januar 2007]




All of my pretty little Rags and Bones!


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