Weg
The Red Dress Press







Back to Yesteryear

Manchmal, eigentlich oft, wünsche ich mir, ich könnte in der Zeit zurück reisen.

Ich fühle mich einfach so falsch hier. Zurück ins Viktorianische London mit seiner Dekadenz, den prächtigen Salons in Mayfair und den düsteren Opium-Höhlen in Whitechapel, ins Paris und Prag der Jahrhundertwende, Vaudeville-Theater und Variètes besuchen, Burlesque Performances und Freakshows, dann die Anfänge Hollywoods miterleben und die goldenen 20er, in den Flüsterkneipen New Yorks und Chicagos rumhängen, den Shimmy tanzen, ein Flapper und ein heißes Jazz-Baby sein... An Valentinos Grab trauern... ach... Da gibt es soviel, was mich fasziniert, schon allein, wie die Menschen damals aussahen, wie sie sprachen und sich verhielten... Vielleicht ist das mit die Ursache für meine Besessenheit, Kleider aus dieser Zeit aufzustöbern und zu kaufen, das Make Up und die Haare hinzubekommen wie damals. Damit ich mich wenigstens ein Weilchen so fühlen kann, als wäre ich ein Teil dieser Gold-umflorten untergegangenen Welt.
Ich würde gerne jemanden treffen, der diese Liebe teilt. Der auch in der Vergangenheit lebt, der nie genug bekommen kann von Stummfilmen und alten Photographien und verstaubten Büchern, der mir vielleicht sogar noch was Neues erzählen kann über Theda und Gloria und Clara und Zelda.

Das denke ich manchmal.

Aber eigentlich bin ich auch allein glücklich. Ich bin die Königin in meinem imaginären Hollywood Dream Palace. Ich feiere in meinem Kopf wundervolle Tee-Partys mit Jayne Mansfield und Vincent Price. Ich habe eine leidenschaftliche Liebesaffäre mit Rudolph Valentino. Ich lausche in den literarischen Salons der Bohemiens den scharfzüngigen Monologen von F. Scott Fitzgerald und Dorothy Parker. Ich feiere ausschweifende Partys mit Clara Bow und Lupe Velez, endlose Nächte in Rausch und Verzückung und kein Morgen danach. Die Kerze brennt an beiden Enden.

[30. April 2006]




Das Fräulein mit den vergessenen Schätzen

Ich habe eine neue Freundin - Ende Oktober bin ich in dieses wundervolle Antiquariat beim Mozarthaus gestolpert, das Schönste, das ich bisher gesehen habe -und ich habe schon viele gesehen!- und habe dort die Bekanntschaft eines ganz reizenden, älteren Fräuleins gemacht, welches zufällig auch die Besitzerin dieses Ladens war. Leider Gottes sind die Verkäufer in diesen Läden ja oft etwas reserviert, wenn man nicht gerade aussieht, als hätte man Geld wie Heu. Das Fräulein ist aber überhaupt nicht so. Schon als ich das erste Mal in ihren Laden spaziert kam hieß sie mich aufs Herzlichste willkommen und es entspann sich ein Gespräch zwischen uns, welches ganze 2 Stunden andauerte. Sie zeigte mir ihre Schätze, erzählte aus ihrem Leben und von all den schönen Dingen, die sie in ihrem Laden hat. Und sie hat wundervolle Dinge! Alte Puppen aus Porzellan und Puppenbetten, wundervollen Jugendstil-Schmuck, Rosenkränze, Perlenschnüre, feine Handschuhe und Spitzenkragen, Pelze, Bilder, Nippes, Kristallgläser, erlsenes Mobiliar, alles alles alles! Ein Jugendstil-Medaillon war das erste, was ich bei ihr gekauft habe. Es ist an die 100 Jahre alt und im Inneren sind gepresste Blumen, so fein und geschickt angeordnet, dass es einfach nur entzückend ist.
Und so habe ich es mir angewöhnt, das Fräulein alle zwei, drei Wochen in ihrem Laden zu besuchen. Sie freut sich jedesmal sehr, wenn ich komme, bittet mich, auf einem alten, mit dunkelgrünem Samt bezogenen Sofa Platz zu nehmen, und reicht mir eine Tasse Tee. Jedesmal hat sie etwas Besonderes, was sie mir zeigen kann. Das letzte Mal habe ich mir ein Gynäkologie-Buch aus den 20ern angesehen – verstörend, aber durchaus faszinierend.

Das Fräulein ist so warmherzig und ruhig und zufrieden. Ich fühle das einfache, leise Glück, dass sie empfindet über ihr Dasein inmitten all dieser schönen alten Dinge. Ich möchte das auch haben. Ich möchte mein Leben meiner Leidenschaft widmen und davon leben können. Ich möchte auch so glücklich und zufrieden sein wie das Fräulein, im sanften Halbdunkel einer Welt voll schwerer Samtvorhänge, staubiger Schätze, und den liebgewonnenen Besitztümern vor langer Zeit Verstorbener, die Geschichten erzählen welche längst vergessen sind.

[30. November 2006]

All of my pretty little Rags and Bones!


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