Weg
The Red Dress Press







Frühlingsanfang II

Es geht mir ziemlich gut gerade. Das schöne Wetter macht mich ganz weich und friedlich innen drin. Ich gehe durch die Strassen und freue mich über die grünen Blätter an den Bäumen und die ersten Blüten, über den warmen Wind und sogar über den gelben Löwenzahnstaub, der für alle anderen so ein Ärgernis darstellt.
Wie es duftet, so nach Frühling und Sonne. Ich trage Perlen und ein schmales schwarzes Kleid aus den 40er Jahren mit kleinen Puffärmeln, das ich in der Petticoat Lane gekauft habe. Ich sitze im Café und trinke Tee mit Schuss und schreibe Tagebuch und sehe mir die Leute an. Ich habe Zeit und sie auch. Es ist schön zur Abwechslung mal nicht die ganze Zeit mit dieser Riesenwut auf alles und jeden im Bauch rumzurennen. Ich lese viel, ich lese die ganze Zeit, und ich lerne viel aus den Büchern. Ich habe in der Bibliothek ein altes Buch über die Frauen im Wilden Westen gefunden; die Geschichte von Belle Starr hat mir besonders gefallen. Sie war ein weiblicher Outlaw, ein Banditenliebchen und wurde hinterrücks erschossen von jemandem, den man nie gefasst hat. Eigentlich war sie kein richtiger Outlaw- sie war eher eine Art 'Groupie', wenn es das damals schon gegeben hätte. Pamela Anderson ist ja auch kein Rockstar. Sie schläft nur mit ihnen. Aber Belle Starr hat trotzdem zu ihnen gehört und somit hat das schon irgendwie seine Richtigkeit.
Ich mag es auch, auf unserer Terrasse zu sitzen und an meinem Tee (mit Rum und braunem Zucker) zu nippen, eine Vanille-Zigarette nach der anderen zu rauchen und meine alten Schallplatten von Billie Holiday und Leadbelly zu hören, das Kratzen und Rauschen des Vinyl, die klagende weiche Stimme. Dann stelle ich mir vor, ich sitze auf der Veranda eines schönen alten Hauses in Mississipi oder Louisiana, in den Sümpfen, in der feuchten Hitze, und die Moskitos summen (summen Moskitos?), und ich genieße einfach den Moment, und um mich herum ist die Luft voll von elektrisierender Spannung und Schwüle und Blues und Voodoo.

[9. Mai 2006]




Frühlingsanfang

Ach, wie wohltuend weh mir doch um mein Herz wird, von Zeit zu Zeit... Ich glaube, ich bin wieder ein bisschen verliebt in das Leben und den schönen Schein, und vielleicht auch ein bisschen in den hübschen Soldaten. Ich schreibe soviel Mist in dieses Journal, ich lüge und fabuliere, und doch ist es im Grunde immer die Wahrheit. Alles wird leichter, wenn der Winter vorüber ist und die Sonne wieder scheint. Nichts, nichts ist so wundervoll wie die ersten Tage im Frühling. Diese Leichtigkeit und Euphorie, die ich spüre, diese Beschwingtheit [und dabei bin ich doch ansonsten mit dem Temperament einer Schrankwand ausgestattet]. Heute verließ ich sogar freiwillig das Haus und unternahm einen Spaziergang mit meinem Cousin Tobi. Wir streiften durch die Wiesen und führten ein gutes Gespräch. Ich lebe eigentlich vornehmlich ohne frische Luft und natürliches Licht, aber so eine kleine Ausnahme zur Feier des Frühlingsanfangs schadet nie. Ich freue mich, wie alles erwacht, nur, um dann im Herbst wieder elendig zu sterben. Um dann wieder zu erwachen. Warum soll man sich auch groß Gedanken machen? Den Lauf der Dinge kann man nicht beeinflussen. Sand im Getriebe und so. Den pustet man weg und Schluss ist. Ich werde mit den Drogen aufhören und Tobi wird in Zukunft die guten Leute bei der Flughafenaufsichtsbehörde in Ruhe lassen, die machen ja schließlich nur ihren Job, nicht wahr?

Alles ist gut und sanft und weich und okay, zumindest ein paar Stunden lang oder einen Tag. Man kann sich ein künstliches Paradies kaufen, wenn man nur das Geld hat, und für eine Zeit darin glücklich und ohne jedes Bedürfnis sein. Man kann verliebt sein in die Welt, die man sich um jeden Preis vom Hals hält. Wozu braucht man auch die Welt, wenn man sie sich selbst erschaffen kann? Nichts im Leben ist umsonst und niemand wird dir umsonst einen Gefallen tun. Es ist alles sehr klar und einfach, wenn man erstmal jegliche Illusionen verloren hat. Man muss wissen, wie die Dinge laufen, dann ist es fast lächerlich einfach. Dann kann man sie austricksen. Dann kann man auf diese dämliche Erfindung namens 'schlechtes Gewissen' verzichten und in Frieden als Miststück, oder wie immer sie es nennen mögen, existieren. Nur die Egozentrischen können wahrhaft glücklich sein. Perlen, Zuckerherzen und ein Strasstiara, Kunstblutschwaden und tanzende pinke Skelette. Prinzessin Diazepam. Lungenkrebs und amputierte Extremitäten.

[21. März 2006]



All of my pretty little Rags and Bones!


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